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Justiz leidet unter Richterin Salesch
Die Würde der Justiz ist antastbar
Amtsgericht Schwedt, vor einigen Jahren: Ein junger Straftäter findet sich zur Gerichtsverhandlung ein. An der Anklagebank vorbei schiebt er sich in die Mitte des Saales, auf den Zeugenstuhl. Die richterliche Anweisung, sich auf den vorgesehenen seitlichen Platz zu begeben, befolgt er widerstrebend: "Aber bei Richterin Salesch ist das anders!" Nach einer Hospitation bei der Fernseh-Kollegin zeigt sich - sie macht tatsächlich einiges "anders".
Die ehemalige Prostituierte Lilli Morgenstern sollte im Hamburger Hafen ertränkt werden, ein Freier findet sich auf der Anklagebank wieder. Versuchter Mord mit gefährlicher Körperverletzung, dafür braucht Richterin Salesch eine Dreiviertelstunde. Im wahren Leben dauert so ein Verfahren schon mal ein Dreivierteljahr. Da gibt es auch Prozessregeln und Grundrechte, die im Sat.1-Gerichtsstudio natürlich nur langweilen würden. Hier palavert jeder mit jedem. Die allgemeine Geständnisfreudigkeit ist ein Rätsel: Von Vernehmungspsychologie versteht Salesch soviel wie ein Pferd vom Brüten. Immerfort ergeht sie sich in Andeutungen, ohnehin alles zu wissen.
Vor der Richterin steht ein "Schönfelder", die dicke deutsche Gesetzessammlung. Deren Lückenhaftigkeit wird im Laufe der Sendung deutlich: Justiziabel lässt sich der Blödsinn nicht fassen. Die Würde der deutschen Justiz ist ungestraft antastbar. Permanent verletzt wird sie insbesondere da, wo die Robenträger würdelos mit den übrigen Verfahrensteilnehmern umspringen. Der Staatsanwalt monologisiert mit Vorliebe seine Vorurteile. Den beruflichen Wechsel Lilli Morgensterns vom horizontalen ins Schönheitsgewerbe kommentiert er mit einer Zote: "Von einem Nagelstudio ins andere, so groß ist der Unterschied ja auch nicht."
Man weiß nun, woher das Stigma rührt, Opfer hätten in deutschen Gerichtssälen einen schweren Stand. Wer dies Sendungen erlebt, wird sich kaum mehr vor einen leibhaftigen Richter trauen. Während das juristische Sat.1-Personal seine Dünkel auslebt, steht die Komparserie im Saal unter Generalverdacht: Jeder kann hier der Täter sein. Und so spritzen die Verdächtigungen vom Katheder herunter: Irgendwie wird am Richtigen schon was hängen bleiben. Trotz Freispruch für den Angeklagten am Ende - der Paradigmenwechsel ist der eigentliche Skandal dieser Sendung. Es gilt keine Unschuldsvermutung, sondern der Grundsatz "Jedem ist alles zuzutrauen".
Das RTL-"Jugendgericht" befasst sich am selben Tag mit einem typischen Fall von Jugendkriminalität: Ein 39-jähriger Ex-Polizist und jetziger Bordellbetreiber soll versucht haben, sich mittels Autobombe von seiner Ehefrau zu trennen. Auch hier pulsiert das pralle Leben: Als die frühere Anwältin des Angeklagten zur Zeugenvernehmung eintrifft, trachtet ein tumber Puffgehilfe vom Gerichtsdach aus mit der Waffe nach ihr. Glücklicherweise gelingt ihm nur ein Streifschuss, weshalb Anwältin und Schütze nach einer Werbepause sogleich ins Kreuzverhör genommen werden können. Am Ende der 45 jugendrichterlichen Ermittlungsminuten gesteht ein als Zeuge geladener Kripobeamter, der gefürchtete Kiezkiller zu sein, dem zehn leichte Damen zum Opfer fielen. Gemessen an diesem Gerichtsfernsehen war die ZDF-"Schwarzwaldklinik" eine Doku-Reihe über das deutsche Gesundheitswesen.
Der gequirlte Blödsinn wäre keines Kommentars wert, würde nicht der Bürger dieses Abbild der dritten Gewalt zunehmend für ein reales halten. Fanden sich vor zehn Jahren noch alltäglich dutzende Hausfrauen und Rentner vor Strafkammern zur Vormittagsunterhaltung ein, bleiben die Zuschauerbänke zunehmend leer. Das Fernsehen liefert das Gericht frei Haus, vierfach am Nachmittag. Die anfängliche Hoffnung der Justizverwaltung, hier würde eine Art Rechtskunde-Unterricht zur fundierten Meinungsbildung über Kriminalität, faires Verfahren und die Ethik des Bestrafens führen, erwies sich bald als Irrglaube. Schon lange stellen Gerichtspräsidenten keine Richter mehr für den Fernseheinsatz frei. Fragt man im Kollegenkreis, welche Juristen in dem öffentlichen Vertrauen in die Ernsthaftigkeit und Würde der deutschen Justiz zuletzt am meisten geschadet haben, fallen die Namen Schill, Kusch und Salesch.
Der Autor hat elf Jahre als Richter gearbeitet und ist derzeit Sprecher des Brandenburger Justizministeriums.
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